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Fabel

Im Mittelpunkt einer Fabel stehen Tiere und Phantasiewesen, die wie Menschen handeln und typische Charaktereigenschaften vorweisen (z.B. der listige Fuchs). Die Fabel hat das Ziel zu belehren und zu unterhalten.
Eine Fabel kann aus einer kurzen Begebenheit heraus geschrieben werden oder auch ein längeres Lebensstück umfassen, an dessen Ende der Betroffene etwas Bestimmtes gelernt hat.
Insofern eignet sich eine Fabel, wenn bei Ihrer Geschichte folgende Punkte zutreffen:

  • für alle Personen kann ein bestimmter Wesenszug genannt werden
  • Thema der Geschichte ist eine Bekehrung / eine Lektion im Leben / eine Begebenheit mit charakterstarken Personen
  • eine verspielte, anspruchsvolle Lebensgeschichte zum Mitdenken und -lachen entstehen soll
  • das Leben bzw. die Geschichte unter einem Motto zusammengefasst werden kann
  • keine namentliche Nennung gewünscht, sondern dass alle Personen inkognito bleiben

Wir orientieren unsere Fabel am typischen Aufbau einer dieser Textgattung:

  1. Ausgangssituation
  2. Auslösung der Handlung und erste Rede
  3. Reaktion des Betroffenen und Gegenrede
  4. Ergebnis
  5. nachgestellter Lehrsatz - "die Moral von der Geschicht'" (diese fehlt manchmal, soll dann von dem Leser selbst herausgefunden werden)

Dazu brauchen wir von Ihnen eine kurze Beschreibung der Story und die Charaktereigenschaften der handelnden Personen sowie eine Aussage darüber, was der Betroffene gelernt hat.
 
Beispiel:
(Ausschnitt aus einer Biographie, die als Sammlung mehrerer Fabeln konzipiert ist. Hier eine Geschichte aus der Schulzeit)

Der kleine Honigdachs und der Elefant

[...] Inzwischen war der kleine Honigdachs in der Schule des Lebens schon bis zur mittleren Reife vorgedrungen. Das war wie bei dem Käse, den die Menschen in ihren Speiskammern hatten: je älter er wurde, desto kräftiger, reifer und bissiger wurde er. Und der kleine Dachs wollte ein feuriger Kerl werden, berühmt für seine feine Nase und seinen cleveren Verstand. Aber dafür würde er noch viele schöne Sommer und lange Winter in der Schule verbringen müssen. Der kleine Dachs seufzte und huschte weiter durchs Unterholz nach Hause. Die Sonne warf lange Schatten - der Herbst nahte. Im lauen Abendwind zitterten die Spinnweben.

"Guten Abend, Spinnlein" grüßte er im Vorbeigehen. "Ach, du bist es", entgegnete die Spinne, "und - schon alles für morgen gepackt?" - "Ja, ja", meinte der Dachs, "ist doch eh immer dasselbe zum Jahresanfang, oder?" und stöberte im Totholz ein paar Würmer auf.

"Das denkst du!" sagte die Spinne triumphierend. - "Wieso? Hast du mal wieder was aufgeschnappt?", fragte der Dachs schmatzend. - "Und ob!" Die Spinne bebte vor Erregung und konnte kaum erwarten, ihre Neuigkeit loszuwerden. - "Na, lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen! Erzähl' schon!", knurrte der Dachs genervt. - "Wir kriegen jemand Neues!", platzte sie heraus, "soll ein knallharter Kerl sein, mit allen Wassern gewaschen. So ein Autoritätsschwein eben."

Der kleine Dachs bekam innerlich Sorgenfalten. Sowas hatte ihm gerade noch gefehlt! Wenn ihm einer den Spaß am Genießen verderben wollte, stünden ihm schlimme Zeiten bevor... 'Aber erstmal abwarten', dachte er, 'wäre ja nicht das erste Mal, dass die eingebildete Spinne mit ihrer Besserwisserei nur angeben will.' Laut sagte er aber möglichst desinteressiert: "Pah, kann mir ja egal sein. Bis morgen dann!" und tappste weiter zu seinem Bau unter der Felsspalte.

Am nächsten Tag plauderte er eben mit seinem Banknachbarn über die spannendsten Ferienerlebnisse zwischen dem Tal der hohlen Baumstämme und dem Steingebirge am Horizont, als die Tür knallte. Alle zuckten zusammen. Böse Ahnungen bewahrheiteten sich, als eine donnernde Stimme befahl, aufzustehen. Aus der Maus, die der kleine Dachs sich eingeredet hatte, wurde ein Elefant. Ein richtiger Elefant! Die Augen funkelten, seine Stimme war ein Trompeten. Er knallte seine Mappe auf die Tischplatte und musterte jeden einzeln. Der kleine Dachs hielt den Atem an. Die Spinne hatte wohl recht behalten. "NORK. Ich bin euer neuer Lehrer. Wenn ihr mitmacht, könnt ihr was über fremde Sprachen lernen. Und wer nicht will, wird mich kennen lernen." Alle schluckten. Der Elefant grunzte: "Gut, das hätten wir geklärt. Kommen wir mal zum Wesentlichen. Wer seid ihr und wozu wollt ihr eigentlich tote Sprachen lernen?", fragte er schon freundlicher. Dem Dachs wich langsam die Angst aus den Gliedern. Ihm gefiel die Ansage. Er sah sich den Elefanten genauer an. Die Haut des Elefanten war von vielen Kämpfen gezeichnet, er hatte Narben und Falten. Ihm fiel die gebückte Haltung auf, die Masse, die Größe. Und irgendwie strahlte dieser Nork auch innere Größe aus. Irgendwie spürte der kleine Dachs schon bald in der ersten Stunde, dass er von diesem Elefanten auch Größe lernen konnte. Der nahm sie alle ernst und manchmal schmunzelte er auch über ihre Naivität. Er wusste, die wilde Rasselbande zu zähmen. Er gab ihnen aufwändige, aber lösbare Aufgaben auf. Er stellte jede Woche alle auf die Probe. Er sparte nicht mit Lob, war manchmal sogar richtig humorvoll und konnte sogar fast zärtliche Blicke auf seine Schüler richten. Aber er konnte eben auch toben wie es nur ein entschlossener, ehrgeiziger und willensstarker Elefant kann, wenn ihm nicht der gebührende Respekt gezollt wird. Ein Getöse war das, dass ein jeder den Kopf einzog. Aber jedes Gewitter verzog ebenso rasch, wie es gekommen war.

Nach vielen Wochen wusste jeder in der Klasse, was er bei dem strengen, aber berechenbaren Elefanten zu tun und zu lassen hatte. Die wenigsten aber wussten, was sie an ihm hatten. Der kleine Dachs gehörte dazu. Er lernte wie besessen und genoss das Lernen in vollen Zügen. Er freute sich sogar auf den knurrigen Elefanten und gewann durch seinen Fleiß bald als dessen Anerkennung. Das galt dem kleinen Honigdachs mehr als alles andere. Mochte die Spinne nur ihre giftigen Kommentare ablassen und Intrigen gegen die Pädagogik des Elefanten spinnen, die sie nur vom Hörensagen kannte, da sie in einer anderen Klasse war. Natürlich zeichneten alle Schüler des Elefanten diesen als gefährliches Tier - nur, um bei ihren Freunden anzugeben, wie mutig und stark sie waren, dass sie diese höllisch harte Schule ertrugen. Der Honigdachs verstand das nicht. Er wusste genau, welches Glück er mit diesem Lehrer hatte. Mehrere Jahre hindurch saugte er sämtliche Lektionen auf wie Honig. Fast schien es ihm, als habe der Elefant ihm die besten Bienennester seines Lebens gezeigt. Unvergessen sind ihm immer die großen Exkursionen geblieben, als der weise Elefant seine besten Schüler um sich scharte und ihnen im Ausland die Geheimnisse fremder Steine und alter Sagen anzuvertrauen. Am Ende, als der Elefant die Schule verließ, um Karriere in den Büros der Uhus zu machen, war der kleine Dachs sehr traurig. Er wollte von seinem geliebten Lehrer noch einen Wegweiser für das weitere Leben bekommen und fragte ihn, ob er das Fach der alten Sprachen weiterlernen solle. Der Elefant schaute ihn mit weichen Augen an und sagte eindringlich: "Nicht für mich wählst du deinen Lebensweg, sondern DU musst das lieben, was DU tust. Nur dann bist du gut. Und wer richtig gut ist, setzt sich im Leben durch. Du musst mit deiner Arbeit so verheiratet sein wie du kleiner Honigdachs mit dem Spechtvogel verbunden bist, der dir immer vorausfliegt und ruft, sobald er einen Bienenstock gesichtet hat. Und so, wie du mit ihm Honig und Bienenlarven teilst, so teilst du dir das Glück mit der Arbeit, die dir anzeigt, wo du Erfolg findest." So sprach der Elefant, zwinkerte und hätte dem kleinen Dachs am liebsten noch auf die Schulter geklopft. Aber dem genügten diese Worte und der Abschiedsgruß von dem runzligen Koloss, und er machte sich wieselflink auf, um sein Glück zu suchen. [...]